Von Mitteleuropa in die sibirische Steppe

DrD aka Colonel John Smith aka Hannibal hat seine Schreibblockade überwunden und setzt laufend eine Flut von Beiträgen ab. So wie der schreibt hat die Blockade wohl 30 Jahre gedauert. Kommt in etwa hin. Seinen Doktortitel hat er ja mit 15 gemacht. Aber Jimbo aka Murdock aka BA aka Face meldet sich nun auch mal wieder zu Wort ohne allzusehr in das Broadcasting von DrD einzpfuschen. Einfach sozussagen einige Kommentare von der Stimme aus dem ‘Off’.

Während diese Worte geschrieben werden, ist A-Team-Max-East schon weit hinter dem Ural tageweise am durch die sibirische Steppe Kilometer fressen. So sind wir nun auf der Mongol Rallye Punktewolke eindeutig der statistische Ausreisser oben rechts – http://tracking.theadventurists.com/#mongolrally/mongolrally2015/a-team-max-east – Outlier, nicht zu verwechseln mit Outlaws. Wir halten uns ziemlich strikt an die Verkehrsregeln und verzichten auch auf waghalsige Überholmanöver. Wobei man sagen muss, dass die Russen ziemlich gesittet überholen und nicht so auf Kontakt fahren, wie die Inder – die wir ja in diesem Team auch schon erlebt haben. Dennoch sieht man sicher einmal pro Tag üble ‘near misses’ die einem sofort die Nackenhaare und die Armhaare – eigentlich alle Haare zu Berge stehen lassen. Auch das ist reine Statistik – bei der Menge an zu beobachtenden Überholmanövern sind das die Outlier. Oder in diesem Fall auch Outlaws. Womit sich der Kreis wieder schliesst.

Gestern Abend wollten wir in ein Restaurant namens “Magnum 45 Caliber” in einer sibirischen Stadt namens Kurgan mit etwas herbem Charme essen. Leider hatte das am Montag geschlossen und wir mussten mit einem verblüffend edlen Lokal namens ‘Chéz Michèlle’ vorlieb nehmen. Französisch oder irgend eine andere Sprache als Russisch sprach da allerdings niemand. Und ‘Chez Michelle’ schreibt sich auf kyrillisch in etwa “XE PIXEP” wo bei das ‘P’ dann umgekehrt ist und eher wie ein Notenschlüssel aussieht und das X noch ein paar Locken mehr daran hat. Überhaupt schlagen wir uns mit Kyrillisch einigermassen durch. Mit dem Taxi-Russisch hapert es jedoch noch ziemlich. Aber bislang haben wir ja noch immer alles bekommen, was wir wollten. Sogar einen Auspuff geschweisst in Kazan. Das war die Station vorgestern.

Tagsüber machte das Auto immer lautere Geräusche, was den Colonel recht nervös machte. Abfallende Auspuffrohre waren in seinem Plan nicht vorgesehen. In seinen Plänen besser gesagt. Er hat ja immer mehrere, damit dann vielleicht einer aufgeht. Der Mad Murdock in mir fand die Geräusche eigentlich noch schön – endlich tönte unser Zuckerwassermotörli mal nach was – fast schon wie ein Helikopter. Dem Face in mir war es eigentlich egal – schön aus dem Auto schauen kann man auch wenn es Lärm macht. Aber der BA in mir bekam ob dem wiederholten Text von Hannibal über Schreckensszenarien, die passieren können, wenn der Auspuff mit V-max (maximale Velocity / Geschwindigkeit) abfalle dann doch auch Bedenken. Gemäss Hannibal könnte sich also quasi der abfallende Auspuff in der Mitte des Fahrzeugs aufpilzen und BAs Bein durchbohren – heiss und dreckig. Das wäre dann noch der Normalfall. Wenn es blöd ginge, dann träfe es nicht nur das Bein, meinte Hannibal sozusagen. Nachdem wir den Plan, den Auspuff mittels einer Raviolibüchse zu flicken fallen gelassen hatten – wir hatten gerade keine Lust auf Ravioli – suchten wir einen Mech und versuchten zu erklären, woran zu schweissen wäre. Im Dritten Anlauf funktionierte das. Auspuff heisst irgendwas mit ‘Systema’ und das Auto heisst ‘Machin’ (der Mann übrigens glaub’ auch fast wie – lässt tief in die Russische Psyche blicken).

20150725_120215

20150725_123312

Also rumfuchteln, die Wörter ‘Machin’ und ‘Systema’ erwähnen und auf den Auspuff zeigen bringt einen zum Ziel. Aber eigentlich erübrigte sich sowieso jede Ansprache angesichts eines Diahatsu Wägelis, das sonst nur Ömis zum zum Shoppen fahren brauchen, das tönte wie eine Rallyebolide. Die Garagenjungs waren äusserst nett. Die Leute nehmen es einem generell überhaupt nicht übel, wen man sich nicht in Russisch verständigen kann und lachen immer auch gerne über die eigenen Versuche in Englisch. Die zwei Polizisten die uns bislang angehalten haben, waren eigentlich nur neugierig – Papiere sehen wollten sie nicht – viel zu schwierige Schrift bei uns. Und einer hat nachdem er feststellen musste, dass wir kein Wort Russisch sprachen dann nur mit einem breiten Grinsen “Chave a nice day” verlauten lassen und uns durchgewunken.

In Kazan haben wir uns einen freien Tag gegönnt, weil wir die Tage vorher schon fast in das Lenkrad gebissen hätten. Dazu später. Kazan ist eine wirklich wunderschöne Stadt an der Wolga, die es durchaus mit Vilnius oder Riga aufnehmen kann.

SAM_1291

SAM_1295

Der Kreml gilt als einer der schönsten in Russland, was aber Geschmackssache ist. Für mich ist er ein bisschen zu Disney.

SAM_1307

Wenn dann noch die weisse Kutsche vorbeifährt, denkt man jeden Augeblick dass bald Schnewittchen um die Ecke hüpft – gefolgt von sieben Zwergen und dem Wolf. Oder wie war das gleich?

SAM_1309

Wir haben uns sodann in der Fussgängerzone installiert, die Sonne genossen und ein paar kühle Bierli konsumiert – dazu hat DrD aka Hannibal schon umfassend berichtet. In der Face Rolle ist natürlich das Selfie mit dem wachsenden Bart wichtig:

20150725_164346

Diese kleine Auszeit tat gut. Die Tage davor haben wir den Asphalt richtig heiss gemacht und uns das Leben in und um Moskau unnötig schwer – ich sage nur: Nicht alle Pläne gehen immer auf. Unsere Ratlosigkeit findet Ausdruck in folgendem Bild, welches morgens um 00.30h auf einem Einkaufscenterparkplatz in der Moskauischen Peripherie entstand und wir uns schon mit dem Gedanken anfreundeten entweder weiterzufahren oder im Auto zu schlafen:

20150723_225313

Aus purem Glück fanden wir dann aber beim Weiterfahren am Strassenrand ein Hotel in Form eines Holzhauses mit sogar noch ziemlich gemütlichen Zimmern.

20150724_001702

20150724_002702

Und ein Nachtessen bzw Nachmitternachtsessen mit Soljanka bekamen wir noch obendrauf. Im TV lief dazu Dr. Schiwago – aber wie wir später noch feststellen, ist das ist in allen Imbissstuben in Russland rund ums Jahr so.

Zurückblickend und nun schon hinter dem Ural in Sibirien angelangt kam uns schon Warschau und Daugvapils (Lettland) ziemlich exotisch vor. Verglichen mit dem hier war das jedoch Pipifatz. Die Distanzen sind unglaublich gross. Von einer grösseren Stadt zur anderen fährt man durchaus einfach mal einen Tag mit 70 kmh im Schnitt für 600 km. In diesen Verhältnissen ist Safien Dorf ein Vorort von Zürich. Oder Genf liegt gleich neben Paris.

Während Jimbo diese Zeilen schreibt haben wir uns wieder Mal verfilzt: Auf dem direkten Weg zwischen Kurgan und Omsk fährt man durch Kasachstan. Das haben wir aber erst gemerkt, als Hannibal schon in Habachtstellung mit seinem Pass vor dem Zoll stand. Mad Murdock, wie auch BA und Face kam diese vermeintlich innerrussische Grenzkontrolle äusserst gespässig vor und die drei mussten miteinander rasch Google Maps checken als sie an einem Örtchen waren. Nicht alle Pläne funktionieren, was dann Hannibal wiederum nicht liebt. Also 63 km zurück zum letzten Abzweiger um die längere Route obenrum zu nehmen und wieder einen Tag ins Armaturenbrett beissen. Um 13.30h waren wir somit wieder auf Feld 1, d.h. in der gleichen Distanz zum Ziel wie beim Start heute um 09.30h. Aber 130 km sind in Schweizer Verhältnissen im Kreisel falsch gefahren und bei der nächsten Ausfahrt gekehrt. Also nicht so schlimm.

Auch nicht so schlimm war es, die Wälder die man schon vorher gesehen hat nochmals anzuschauen. Sehen in der Taiga ja eh für die nächsten 3 Wochen alle gleich aus. Taiga Woods, würde der Engländer sagen. Wobei dieser ja verschiedene Wälder gesehen hat. Oder auch nicht.

20150723_143114

20150724_093113

SAM_1342

Schreibe einen Kommentar