Nach all den Widrigkeiten der Vortage beschlossen wir, unseren Ruhetag vorzuziehen und einmal sauber zu retablieren. Also gefrühstückt und dann dank Datenverbindung mal die Automechen ausgecheckt und den vertrauenswürdigsten ausgewählt und angesteuert. Das klappte perfekt. Die Verständigung danach etwas weniger, aber die wesentlichen Infos konnten trotzdem übermittelt werden, mit dem Resultat, dass Yefgeni eine andere Filiale anrief und uns dorthin lotste, weil er die Werkzeuge oder Teile nicht hatte. Weil allerdings die andere Filiale inmitten von dutzenden von Automechen lag, haben wir dann erst die lokale BMW Filiale nervös gemacht, bevor uns diese unabhängig von Yefgeni zum Schweisser rüberschickte und das war eben der Kollege von Yefgeni. Der hat den Auspuff taxiert, mit Kennerblick erklärt es sei alles “bad”, allerdings habe er auch keinen neuen auf Lager und so werde geschweisst. Wir haben ihn danach noch gebeten dem Auto eine Kurzinspektion zu gönnen und dann unser Münz im Warteraum in den Kaffeautomaten geworfen, Kaffee für ein paar Rappen getrunken, gebloggt und kurz gewartet, denn schon nach ca 45 Min war alles geschweisst und das Auto parat. Leider so schnell, dass ich nicht mal mehr Föteli von drunter machen konnte. Und den kaputten Auspuff haben wir ob all dem Stress auch nicht fotografiert – sah auch übel aus, haben wir nicht gerne angeschaut.
Somit war schon vor 12 alles klar und wir hätten sogar noch zu einer typischen Halbtagesetappe von so 8-10h Fahrt aufbrechen können. Wollten wir aber nicht, denn auch wir brauchten eine Pause und ein bisschen Kazan sehen wollten wir schon auch, dazu noch etwas Souvenirs shoppen und in Ruhe was essen. Wir nehmen’s vorweg – das hat prächtig geklappt! So prächtig, dass dieser Beitrag mit Bildern geflutet ist. Der geneigte Leser wird uns allerdings ob der prächtigen Bilder beipflichten, dass das eine absolute Notwendigkeit war und wohl in Gedanken selbst schon mal eine Stippvisite in Kazan planen – aber wir greifen vor.
Zuerst also den soundmässig gemuteten Terios zurück in die Hotelgarage gefahren und dann ab auf Souvenirjagd. Bingo!
Sodann galt es einmal mehr, Land und Leute kennenzulernen. Also beginnen wir mit dem Land. Das Land war etwas schwierig kennenzulernen, weil es stumm war, immerhin aber von ausgesuchter Schönheit.
Leider haben wir dann nicht so ganz alles verstanden – z.B. ob die Wolga ähnlich austrocknet wie der Aralsee und dies ein stummes Manifest eines frustrierten Matrosen ist, der hier früher im Hafen arbeitete, oder ob sich schlicht mal bei Hochwasser ein Boot verfranzt hat, oder … Bitte nehmt diese Frage nicht auf die leichte Schulter, denn immerhin handelt es sich hier nicht um einen kommunen Kutter sondern um ein massives Schnellboot und zwar nicht um eins der russischen Marine, was das Rätsel wieder gelöst hätte, denn einen Panzer oder sonstiges Kriegsgerät im Garten zu haben gehört bei den Russen zum guten Ton – wir nehmen mal an, dass was dem Amerikaner seine Gun ist dem Russen sein T-56 oder so ähnlich, grösser ist halt besser.
Wir sind dann weiter durch die Stadt gezottelt und haben viele schöne Ecken entdeckt
(dazu später mehr) und es so richtig genossen. Lustig auch, dass es hier die EF Sprachschule noch gibt (bei uns weiss ich das nicht mehr – aber das waren vor wohl fast einem halben Jahrzehnt meine ersten Auslandferien – liebevoll unbetreut von einer englischen Gastfamilie welche in zwei ca. ja 12 m2 grosse Zimmer je 4 Austauschstudenten einquartierte und uns keine Schlüssel gab, so dass wir tagelang in den Spielsalons von Torquay abhängen mussten…).
Kazan ist atemberaubend schön und zwar nicht bloss wenn man ästhetisch unterzuckert aus den ewigen Pampas-, Taiga-, Permafrost-oder sonstigen Wäldern kommt, sondern einfach so. Nach unseren westeuropäischen Standards absolut topp und weil ihr uns natürlich kaum glauben könnt, denn wer hat schon je von Kazan gehört, ausser dass sie ein Fussball- und/oder Eishockeyteam haben, aber das haben eh Alle, also egal – wir erklären Kazan zur absoluten Beauty – rein stadttechnisch betrachtet natürlich! Aber seht selbst:
Nun kann man ja argwöhnen, dass dies alles eine Show ist, dass sich die Stadt bloss für diese Schwimmfestspiele so herausgeputzt hat, was durchaus mit ein Faktor sein mag. Aber wir haben auch hinter die Fassade geschaut und gesehen, dass in dieser Stadt durchaus auch innere Werte stecken, kurzum, dass es eine wahre Schönheit ist.
Damit hätten wir nun den Teil Land von Land und Leute hinreichend beschrieben und wir benötigten eine Stärkung. Was lag da näher, als dem charmanten Werben der Twin Peaks Damen für ein kühles Bierchen nachzugeben.
(by the way – nachträglich vermute ich, dass Mad Murdoch einfach mit den Damen Chopta fliegen wollte – hat schon lang keinen Heli mehr gesehen der Arme).
Das mit kühl “really cold” meinen die übrigens wirklich ernst
Und wer’s immer noch nicht gerafft hat, diese Russen sind manchmal etwas schräg und in Russland ist’s oft kalt und wenn die also ein “really cold beer” servieren, wobei die Dame übrigens unsere Zustimmung zur Präferenz hinsichtlich eines kühlen Biers mit doppelten Thumbs up quittierte (vermutlich war sie einfach schon zu genervt ob all der Briten, welche das Bier bekanntlich gerne mit dem Tauchsieder tempiert resp temperiert – egal wollen) – jedenfalls also war das kühle Bier so kalt, dass die obersten 5 cm gefroren waren und sich der Humpen anfühlte wie aus der Antarktis! Herrlich!!!
Jedenfalls haben wir da nach dem Bierchen auch noch etwas gegessen
– nein natürlich kein Schwein am Spiess, denn in Tatarstan gibt’s auch einen relevanten Anteil Muslime und da wollen wir uns doch anpassen, obwohl das Foto mit den Grillschweinen von einem türkischen Restaurant stammt und das ergo vermutlich gar keine Schweinchen sondern Lämmchen oder so sind, was nun wirklich sehr lecker gewesen wäre, aber aufgrund der Gewichtsbeschränkungn in Murdochs Chopper einfach nicht mehr drinlag. Also halt gesund ernähren
– und das war mindestens so lecker, wie es aussah – und v.a. noch viel gesünder!
Jedenfalls haben wir uns im Twin Peaks dermassen gut erholt, dass wir sogar noch auf die Toilette mussten. Und dabei feststellten, dass dieser Schuppen eigentlich ein halber Zoo ist – auf dem Weg ins WC (Oben im 4. Stock – wo gibt’s denn sowas?) begegnet einem jedenfalls die halbe Flora und Fauna aus Sibirien – müssten wir eigentlich gar nicht mehr hinfahren hmm?
wobei – allerdings das letzte Käuzchen noch lebendig ist und damit zu Leutem-Teil unseres heutigen Beitrags überleitet. Denn die Russen haben offensichtlich grosse Freude daran, sich mit irgendwelchen Vögeln oder sonstigen Viechern ablichten zu lassen. Bringt wohl Glück? Und ist dem Tierschutz sicher ein Dorn im Auge – aber den Teil können wir nicht auch noch übernehmen – auch die Missionen des A-Team haben ihre Grenzen.
Die Täubchen (ohne Turtel diesmal) sind dann immer wieder ausgebüxt und der Besitzer musste hinterherhasen, war ganz lustig anzusehen.
Aber zurück zu den Russen (und natürlich auch Russinnen). Also die Klischees sind schon zutreffend viele dieser Russen sind schweigsame, finstere Gesellen, die in den Wäldern hausen und das Treiben aus sicherer Distanz beobachten.
Andere wiederum sind schwer gezeichnet vom Schmerz vergangener Zeiten, was wir schon rein aus unserem banalen Geschichtswissen auch irgendwie nachvollziehen können
und selbst die russischen Frauen haben auf den ersten Blicke eine etwas abweisend kühle Haltung.
sind dann später aber oft sehr herzlich und hilfsbereit ![]()
Nun könnte man einwenden, dass dies typisch russische Eigenschaften seien, wir aber mittlerweile in Tatarstan angekommen seien. Aber erstens wollt ihr gar nicht wissen, wer das Tartar erfunden hat und mit welcher Gewalt dieses Reitervolk entlaufene Rindviecher jeweils solange mit den Kosakenschwertern bearbeitete – und zwar in Sippenhaft mit den Hühnern (weil ein Ei ist ja auch drin – im Tartar), bis daraus dieses wunderbar zarte, aromatische Fleischgericht entstanden ist, und zum anderen sind auch die Tataren eher schweigsam und still.
Zugegeben es gibt unter den Russen durchaus auch noch zugänglichere Charaktere – z.B Politiker halt, oder Waldfeen – aber die sind selten.
Aber wir würden diesem Volk / diesen Völkern unrecht tun, wenn wir sie einfach auf diese Klischees reduzieren würden. Denn hinter der Fassade verbergen sich oft sehr herzliche, nette Menschen welche sich trotz Sprachbarriere reizend bemühen uns hilflosen Fremden zu helfen. Oder die einfach nur ein paar ihrer kostbaren Worte mit uns wechseln wollen, wie z.B bei der ersten Polizeikontrolle – in einem Dorf im nirgendwo – Sonnenschein – ein rundlicher Polizist, leicht gerötetes Gesicht – typisch halt – nennen wir in Sergej – hat uns rausgewinkt. Uns. Mitten im Dorf bei 45Kmh auf dem Tacho. Nix falsches gemacht. Wieso? Also Fenster runter, Sergej kommt angeschlurft “zdraste uitje” (einen schönen Tag) und lückenlos anschliessend “Chello”! Keine Frage nach Dokumente, kein Passaport Machina, einfach nur etwas Small Talk, worin wir mangels russisch nicht brillierten und dann einfach “Chchave a nice day” – dosvidanja & tschüss. So geht das – jedenfalls bei anständigen Russen und andere haben wir zum Glück noch nicht kennen gelernt.
Und so kriegt man das pralle Leben einfach gezwungenermassen mit. Da wird posiert,
geheiratet
musiziert (mit mehr oder weniger Begeisterung)
und ein paar Ureinwohner von irgendwo waren auch da – gemäss Handy-Russisch unserer Serviertochter (das geht so – wir gestikulieren und machen typische Geräusche – sie zückt das Handy und haut kyrillisch in die Tasten bis unten Englisch rauskommt. Zur Frage nach den Federgesellen meinte das Handy “These are Actors they are travelling all around Russia dancing and singing to make rain” – worauf wir denen keinen Rubel mehr gespendet haben – Regen brauchen wir nicht.
Sehr wichtig ist den Russen und v.a den Russinnen die Mode – schlecht gekleidete Menschen sieht man nie und wenn dann sind es Touris. Das ist auch nicht so verwunderlich – den Kleider werden überall verkauft –nicht immer mit dem allermodernsten Chic – aber immer sehr elegant
und klar ersichtlich ist auch dass Kazan eine Stadt der Gegensätze, der Mitte zwischen Okzident und Akzident oder wie immer – das hat Murdoch aus dem Wiki vorgelesen und ich musste mich aufs Fahren konzentrieren – also sagen wir zwischen Abend- und Morgenland, wobei die nächste Frage wäre wo Abend und wo Morgen ist und wer das Abend und wer das Morgenkleid anhat – aber lassen wir das.
Wir genossen schlicht den Tag und waren für einmal recht zufrieden. Und die Zufriedenheit steigerte sich sogar noch, als wir nämlich auf dem Heimweg ins Hotel einen MTS Telekomladen ansteuerten um die russische Daten-SIM zu ergattern – 350 Rubel und keine 10 Minuten – Hoteladresse reichte und die SIM war im lenovo Baustellenhandy (weil so schön baustellengelb) und hätte funktioniert – hätte, also der Plan hat funktioniert, aber das versammelte A-Team – oder fehlte da die Expertise vom B.A. Baracus übersah den Schalter im x-ten Untermenu, um neben der Erlaubnis zum mobilen Datenfunk auch noch die mobilen Daten selbst oder so ähnlich zu enablen. Aber das hat dann Radik (müssen wir deshalb drauf hinweisen, weil wir das selbst lesen konnten) vom MTS Laden am nächsten Morgen im Nullkommanix erledigt. Perfekt.
Und mit diesem Schwung sassen wir dann noch eine ganze Weile im besten Kaffee der Stadt, mit unglaublich aufmerksamer Bedienung (man kriegte nicht bloss sofort Nachschlag, sondern konnte den Nachschlag sogar auf in 10 Minuten bestellen – sehr praktisch für mich als Kaffeeliebhaber), WLAN und Strom für den Notebook, so dass wir auch blogmässig mal etwas aufholen konnten.
Am Abend haben wir dann noch das Nachtleben genossen – wobei wir leider alle echten Zürcher enttäuschen müssen, denn zum einen wurde die Haifischbar offensichtlich nicht in Zürich erfunden, zum andern war die Kazan-Haifischtränke geschlossen….
Nachdem heute so viel Pläne funktioniert haben, lassen wir es für einmal mit der Liebe sein und freuen uns einfach auf morgen, wenn wir endlich wieder ins Auto sitzen und fahren können.
