24.07.2015: Prokrov – Kasan

Obwohl wir ausschliefen, war die Stimmung etwas gedämpft. Zuviele Kilometer haben ihre Spuren hinterlassen. Daran konnten auch diese wackeren russischen Pilzköpfe – angeblich die Vorgänger der Beatles – nichts ändern. Die Stimmung wurde erst besser, als ein feines russisches Trucker-Zmorge verspiesen und die Fehler des Vortags analysiert waren. Grundsätzlich ist es ja ein fundamentaler Streit in der Reise-Community: To Navi or not. Natürlich ist es ursprünglicher nur nach Karte zu navigieren. Aber noch ursprünglicher ist es zu Fuss zu gehen und da können wir auch ja auch gleich auf den Jakobsweg den Shell-Muscheln nachlatschen. Sodann ist natürlich auch der Autarkitätsgrad zu berücksichtigen: Wenn wir nur jeden Abend das Zelt aufschlagen oder gar nur nach hinten in den Laderaum kippen müssten, dann würde auch uns die Karte reichen. Wenn man aber in den Grossstädten dieser Welt ein vernünftiges Hotel finden und danach noch etwas sehen will, dann geht das extrem schlecht ohne Navi – kostet primär Zeit. Und davon haben wir auch nur ein knappes Budget. Ergo sind wir auf’s Navi angewiesen – und wie gestern Abend zeigte auch auf gescheite Datenverbindungen und Internet, denn wie soll man heute sonst ein Hotel finden? Da würde man ja glatt riskieren in einer auf Tripadvisor mit < 3.0 bewerteten Absteige zu landen. Geht gar nicht! Also wenn das Leben kompliziert wird, dann braucht es Technik und wir ein Swisscom Datenpaket weltweit oder noch besser eine russischen Daten-SIM. Bloss in Indien hat das ca 3 Tage gedauert, inkl. handschriftlichem Empfehlungsschreiben des extremst schielenden Hotelmanagers (im Doppel – das Schreiben nicht das Schielen) – wie sieht das bloss im straff regierten Russland aus?

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Egal – ein Blick auf den Parkplatz zeigt, dass der halb leer ist und wir auch los sollten – v.a. würden wir gerne den Kontakt mit der NY Polizei vermeiden – auch wenn wir nicht Snowden heissen ist uns dieser Wagen irgendwie nicht geheuer – also nix wie weg. Das ging dann extremst unbürokratisch, für einmal reichte es, einfach das Hotelzimmer zu bezahlen und Schlüssel abzugeben, Registrierung und der ganze Firlefanz – wozu? Suchen die deshalb hier den Snowden?

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Die Fahrt von Prokrov verlief zuerst in recht normalen Rahmen,

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mit den üblichen Strassenständen

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und beeindruckender Natur, wobei selbige durchaus auch von Menschenhand in die rechte Bahn gelenkt werden muss, wie man am massiven Damm erkennen kann.

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Ansonsten aber hiess es rolling, rolling, rolling

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bis dann leider mittendrin in der Etappe ein neuer Ton zu hören war: Dr CJS wusste sofort – die Abgase des Terios mochten sich nicht mehr länger einzwängen lassen und hatten dem Auspuff den Marsch geblasen. Und tatsächlich war das Auspuffrohr zwischen Kat und Auspufftopf neben der Schraubverbindung klassisch durchgerostet und gebrochen. In Anbetracht der nicht immer perfekten Strassen und v.a. der perfiden Bahnübergänge war das schon nachvollziehbar – ebenso wurde natürlich auch klar, dass der Auspuffdichtspachtel schon nicht dieselbe Festigkeit aufweist wie korrektes Metall und nach ca. 5000 Km Rallye-Cruisen sieht unser Terios untenrum schon etwas abgenudelter aus, als nach der Kosmetikauffrischung zwecks MFK… Aber was halten muss hält und wenn bloss der Auspuff schwächelt, den kann man schweissen oder schmeissen – der Motor läuft ja auch ohne – allerdings etwas

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unschön – der Sound ist zwar Anfangs noch recht cool – da können alle die gesoundeten Sportwagen einpacken und es würde niemand ein lachhaftes 1.3 Liter Motörli unter der Haube vermuten – aber bei jeder Polizeikontrolle ohne anzugasen abzuschleichen ist nervlich belastend. Und weil der Auspuff gebrochen war, wirkten natürlich auch etwas unkontrollierte Kräfte sowohl auf den vorderen als auch auf den hinteren Strang und weiterer Schaden drohte.

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Wir beschlossen dann richtig einzuspuren und den Terios vorsichtig nach Kazan zu bewegen – dort würde sich das schon richten lassen. Allerdings ein Aufsteller war dieses Problem nun auch nicht – soviel zum unehrenhaften Cheesy Car. Dazu muss man vielleicht noch anmerken, dass wir ja gerne Mechaniker wären und auch gerne zwei Monate Zeit hätten, dann wären solche Pannen schlicht irrelevant. Aber ohne Mechanikkenntnisse, unfähig sich der Landessprache zu bedienen und zeitlich auf Zack kann eine kleine Lappalie halt schnell zu einem gröberen Problem werden – selbst Schuld, seit dem Lied  Tubel Trophy wissen wir ja dass wir aufpassen müssen, sonst verschwinden wir im Urwald.

Neben Strassen gibt es in Russland auch jede Menge Industrie – v.a. auch Petrochemie und Blockkraftheizwerke oder Heizkraftblockwerke oder Werkblockheizkraft – egal die Rohre der Fernwärmeversorgung sind um die Städte allgegenwärtig und meist zischt und faucht es da auch recht abenteuerlich – das Gate of Hell in Turkmenistan (eine alte explodierte russische Erdgasbohrung die seit den 1970ern vor sich hin brennt) lässt grüssen

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Eingangs der Stadt grüsst dafür die Welt – das gefällt uns schon besser.

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Für die Strassenbauer unter den Lesern hier mal wieder ein Update – so geht das in Westrussland.

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Und irgendwann haben wir dann die Weite bezwungen – es war ein weiterer harter Fahrtag mit einem angeschlagenen Auto – mehr als 12h ohne Stopp ausser Tanken – aber wir haben’s geschafft und sind in Kazan vor’s Ibis gerollt. Das war aber leider schon besetzt, weil nämlich Vladimir in Kazan war (ja der Putin) und die Schwimmfestspiele eröffnete oder so. So waren wir dann halt gezwungen, eine Sternenkategorie höher zu gehen was auch schön war.

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Vor allem für unseren lieben Terios, der freudigst mit Donnergrollen in die Tiefgarage herunterröhrte – zum Glück war obendrin eine Hochzeit und daher ohnehin Betrieb mit >100 Db.

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Wir haben uns dann gar nicht lang im Hotel aufgehalten sondern uns nur kurz aufgebrezelt und sind ab in die Stadt, Essen suchen. Das war dann überraschend einfach – das rund um die Uhr Konzept gibt’s zwar in der Stadt nicht, aber ich würde schätzen, dass New York an den meisten Ecken um 01:00 schläfriger ist als Kazan, wo noch richtig die Party abging und wir im Woki Toki so richtig russische Wok-Gerichte genossen (wo bauen die Russen eigentlich die Kokosnüsse für die Kokosmilch an?). Und mit dem obligaten ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert, also da anzukommen wo wir wollen und dann noch ein Bier trinken und eine Zigarre rauchen, kann auch dieser ereignisreiche Tag beschlossen werden.

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