Nach einem gediegenen Frühstücksbuffet im Parkhotel in Daugavpils, wo sich auch noch ein Schweizer Velotrüppchen einquartiert hatte, brachen wir tiefenentspannt aber etwas müde und nervös auf. Heute wartete Mütterchen Russland auf uns, das erste und einzige Land auf dieser Reise, für welches wir noch ein Visum benötigten. Dieses aber ist nicht so leicht zu kriegen und die Organisatoren haben allen Teilnehmern eingeschärft auf keinen Fall einen Hinweis auf die Idee der Befahrung des Landes zu vermerken, denn Autotouristen – also nicht die selbstgesteuerten Touristen, sondern die die mit em Charre da sind, die würden ein spezielles Autovisum benötigen und dazu müsste man dann auch alle Stops schon vorher planen und Hotelbuchungen haben etc. Haben wir nicht und so sind wir einfach unterwegs und hoffen, dass an der Grenze alles glatt geht. Vorher allerdings gab es noch lustige Schilder – vermutlich die Warnung vor zwielichtigen Gestalten für all die Kinder, die hier durchfahren oder so ähnlich.
Auch die Botanik ist eindrücklich – das Kanonenputzerziergras, welches bei uns in gepflegten Gärten angebaut ist und welches ich als Kind immer zu dutzenden von unsinnigen Zwecken missbrauchen wollte, aber nie durfte, wächst hier wild einfach so – da könnte man schon mal probieren, damit eine Kanone oder sonstwas zu putzen oder es als Raketengeschoss zu verwenden
ansonsten war die Landschaft ortstypisch ![]()
die Störche auf den Feldern und nicht im Ausgang und die Strassen leider in erbärmlichen Zustand, so dass wir Stunden mit bescheidener Geschwindigkeit dahingurkten ohne wirklich vorwärts zu kommen. Aber wie wir wissen bringt Geduld Rosen oder dann halt auch mal eine Zollstation und so liefen wir gegen Mittag in den Prozess ein. In Lettland ausgecheckt, in Russland einige Formulare ausgefüllt, der Drogenhund wurde gezwungen unser Auto zu beschnüffeln, was er aber wirklich nicht wollte, weil er doch schon auf 10 Meter gegen den Wind gerochen hat, dass hier keine Belohnung zu holen ist und schwuppdiwupp nach gut 1h war der Spass schon vorbei und alles klar. Fast alles jedenfalls, denn wir brauchten noch eine Versicherung für Russland und obwohl wir mit der geballten Reiseerfahrung die kleine Bretterhütte am Strassenrand sofort als ortstypische Versicherungsagentur erspähten, war dann der Abschluss der Versicherung eher komplex, weil die sehr nette Dame nun wirklich kein Wort irgendeiner Fremdsprache verstand. Sie hat dann die Zentrale in Moskau angerufen und via Fernberatung, Computer-App und vielen Gesten uns innerhalb einer nächsten Stunde irgendeine Versicherung verkauft – schön ausgedruckt auf grüner Urkunde mit silbrigem Siegel.
Danach ging’s endlich los und dank Navi wussten wir definitiv, dass wir jetzt im grössten Land der Welt angekommen waren – zuerst waren die Distanzen bis zum nächsten Ereignis sehr gross, danach wurden sie für das Navi undarstellbar – einfach geradeaus – nicht die schlechteste Devise.
Dabei waren die Strassen mal gut, mal schlechter, mal doch eher ein Challenge – immer aber gut beschildert und v.a. spürt man die russische Herzlichkeit anhand der Ortsschilder – die sind ein wahrer Augenschmaus.
Überhaupt sind wir sehr gespannt auf Russland und wie wir das bewältigen. Das mit Russisch lernen hat noch nicht so ganz geklappt, trotz ca 3 verschiedenen Lehrgängen – aber weil die nur schon je eine separate Lautschrift verwenden, müssen wir vor dem Russisch glaubs noch drei Lautschriften lernen, bevor wir dann verstehen können wie ein russisches Wort, welches wir ohnehin nicht kennen nun ausgesprochen würde. Andererseits ist es doch einigermassen beruhigend, dass es nicht mehr schlimmer werden kann, denn weniger als kein Englisch kann kein Russe. Und wenn wir also von einer Russin ohne Englischkenntnisse eine Versicherung kaufen können, dann müssten wir auch bis Magadan tanken, Kaffee trinken, essen und schlafen können und mehr brauchen wir nicht.
Zur russischen Sprache ist noch anzumerken, dass sie eigentlich sehr gut an die Eigenschaften der Männer adaptiert ist. Denn bekanntlich haben Männer ja nur 2000 Worte pro Tag zur Verfügung und da macht es schon Sinn, wenn man auf russisch nicht fragt: “Könnten Sie mir bitte sagen, wo die Toilette ist?” sondern der Infoaustausch datenoptimiert so lautet “wo Toilette”. Dies darf man den Russen daher auch nicht als Unhöflichkeit oder Wortkargheit auslegen – v.a. die russischen Männer sparen sich einfach ihre Wörter für die wirkliche wichtigen Besprechungen zu Hause in der Familie. Eintauchend in die russische Kultur glitten wir dahin und kamen zumindest Moskau stetig näher. Das Etappenziel Vladimir (nicht Putin sondern die Stadt) lag allerdings unerreichbar fern, aber der Plan war, immerhin noch Moskau auf einem der Ringe zu umfahren, denn Verkehrsstaus in dieser Kapitale sollen oft sehr kapitale Ausmasse annehmen können. Und dass Moskau gross ist, spürt man schon, wenn man – gefühlt 10-spurig drum herum fährt. Mental war’s auch schwierig, weil Mad Murdoch schon lange keinen Chopper mehr fliegen konnte und deshalb schlafen wollte – bloss wo.
Der gute Plan war, Moskau zum umrunden und danach sofort ein Hotel zu finden. Leider bloss liess uns da das Navi im Stich – ohne Datenverbindung machte es keinen Wank mehr und mit den üblichen Moskaustaus, Verkehrspuff etc war es auch schon dunkel geworden. Und natürlich hatte es nun auch keine Hotels mehr, zumindest keine, die sich für unsere Spracherkennungskünste als solche zu erkennen gaben. Wir haben dann mit allen Tricks gearbeitet, Nervenzusammenbrüche erlitten und dann ein per Datenverbindung ausbaldowertes Kongresshotel angesteuert – wie sich den Bildern entnehmen lässt, leider erfolglos. Sehr erfolglos sogar – denn solche Feldwege haben wir 2006 in Schwarzafrika, in Gambia auf der Suche nach einem Hotel befahren und damals hat das so geendet, dass wir mitten im Dschungel ein Notcamp errichteten. Soweit waren wir aber noch nicht – Aufgeben gilt nicht – wenn the going gets though the Though gets going, when the Shit hits the Fan the ?? egal – jedenfalls war es schon weit nach Mitternacht und Mad Murdoch wurde mit einem Red Bull aufgedopt.
Plan B war dann, sich einen ruhigen Parkplatz suchen, 3h Schlaf, danach würde es ohnehin wieder hell und damit dann weiterfahren um früher anzukommen – wo auch immer. Verlockend war das aber nicht – zwar gut für den Heldenfaktor – aber definitiv nicht mehr Gentlemen-Liga. Und es kam wie es kommen musste – ich liebe es wenn ein Plan funktioniert – irgendwann tauchte mal wieder etwas Hotelähnliches auf “Oteab” oder so – Mad Murdoch wurde zu einem Notstopp gezwungen und wir waren da.
Und das gute am Reisen auf den Fernfahrerpfaden ist halt, dass man dort immer alles und alles immer kriegt – also 24h / 7 days – und so gab es auch für uns um 02:15 zuerst mal noch eine Suppe. Danach dann ein weiches Bett in einem romantischen Holzchalet.
