28.07.2015: Kurgan – Omsk

Nach der erfolgreichen Bezwingung des Urals begann der Morgen eigentlich recht gut, mit einem im Hotelzimmer servierten, korrekten russischen Frühstück. Wobei man hierüber streiten könnte – abgesehen von der weltumspannenden gleichmachenden Bedeutung der englischen Sprache gibt es wohl nur noch im Bereich des Morgenessens einen ähnlich um sich greifenden Unilateralismus – wir haben bisher nirgends genächtigt, wo nicht Spiegel- oder Rührei mit Speck und Würstchen auf dem Speiseplan gestanden hätte. Immerhin wird diese internationale Einheitsspeise hier noch aufgepeppt mit Gurken und Tomaten und in den besseren Hotels gibt man sich Mühe, jeweils auch noch etwas ortstypischere Elemente wie geräuchter Fisch oder russischen Salat anzubieten. Russischen Salat gab’s in Kurgan leider nicht zum Zmorge, sondern erst später – dann dafür umso heftiger.

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Also Terios gestartet und los – vorbei an malerischen Schildern, die man durchaus ernst nehmen sollte – nicht um Föteli zu machen nämlich, sondern um zu verhindern dass man selbst aufgrund eines invasiven staatlichen Eingriffs in die Privatsphäre mittels Roboterkameras geblitzt wird. Die Strecke von Kurgan nach Omsk bewegte sich im üblichen Rahmen.

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Nun wird den alteingesessenen Lesern unseres Indienblogs vielleicht auffallen, dass dieser Russlandbericht anders ist. Was auch zu erwarten war, weil Russland anders als Indien ist – logo. Also mit Zigarren verglichen wäre Indien eine herrlich florale Joya de Nicaragua wohingegen bei Russland eher die ruralen Bodentöne einer Assemblage mit relevantem Honduras Antail wie z.B. der Camacho Black Out passen würde. Aber seht selbst:

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Natürlich ist diese Bildauswahl nicht ganz fair, weil es sich um Schlechtwetterbilder handelt und bei Sonnenschein versprühen auch diese Orte in den abgelegensten Winkeln Sibiriens viel mehr Charme. Aber wir müssen festhalten, dass die Bilder zu unserer Stimmung passen, denn Russland ist ein zäher Brocken: Wir fahren jeden Tag endlose Stunden durch – sich nur mit positivem Kennerblick in Nuancen unterscheidende Landschaften, was natürlich nie an den Entdeckungsreichtum in Indien heranreichen kann. Russland ist erdiger, bodenständiger, vertrauter und doch sehr fremd – in Indien konnten wir uns mit viel mehr Menschen auf Englisch ein bisschen unterhalten, hier sind Englischkenntnisse meist nur an der Hotelrezeption in grösseren Hotels verhanden – in den kleineren, charmanteren Etablissements fehlen Fremdsprachen meist völlig und unsere Russischkenntnisse sind leider auch nur sehr zögerlich im Aufbau begriffen. Irgendwie verständlich, denn Russisch reicht wohl weitum aus, das Land ist grösser als mancher Kontinent, hat trotz des auf unserer Reise landschaftlich repetitiven Charakters sehr viel zu bieten und letztlich beweist die landschaftliche Repetion ja bloss, dass wir uns relativ linear auf demselben Breitengrad noch Osten bewegen und daher ähnliche klimatische Bedingungen auch ähnliche Bodenbewirtschaftung und Siedelungsformen gebieten. Trotzdem – einfach ist das nicht und wenn man noch berücksichtigt, dass die Russlandroute ja als die viel einfachere Route bei der Mongol Rally gilt, dann müssen wir feststellen, dass es auch diese einfache Route sehr in sich hat, wenn man sie schnell absolviert. Und dies ist halt der Tribut daran, dass wir die Mongol Rally ja quasi bloss als Aufwärmeinheit für unseren echten Challenge, nämlich die Road of Bones nach Magadan benutzen. Aber irgendwie haben wir uns diesen Aufgalopp schon einfacher vorgestellt, unser Lenkrad hat schon heftige Bissspuren und wir wussten nicht, dass wir uns die Etappe heute selbst noch verschärfen würden – dazu später mehr.

So hart das Land, so herzlich die Leute – egal wie unbeholfen wir uns anstellen – meist versucht jemand trotzdem zu helfen – und irgendwie, mit Händen und Füssen können wir zumindest die Abdeckung der Grundbedürfnisse sicherstellen.

Und für die Leute hier ist das Leben sicher auch nicht einfach – immerhin sind wir ja zur besten, wärmsten Jahreszeit hier, was die den ganzen Winter tun, wollen wir uns gar nicht erst vorstellen. Das mittlere Bild enhält übrigens ein weiteres der Rätsel dieser Reise – überall werden solche Strohballen gewickelt und rotten dann einfach vor sich hin, während bei uns solche Ballen wohl meist im Plastik versiegelt werden – fragt sich bloss, ob man denn solch rottendes Stroh überhaupt noch brauchen kann – denn fall ja – weshalb wickeln wir unser Stroh dann ein?

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Hart ist das Land nicht nur mit den Menschen, auch die Autos müssen oft leiden – nachdem wir vor zwei Tagen an einem qualmenden, ausgebrannten Lastwagen vorbeifuhren hat es diesmal einen Jeep erwischt – unschön – da nützt wohl auch der in Russland obligatorische Autofeuerlöscher nicht sehr viel.

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Und um solche Unglücke zu vermeiden checken wir unser Wägelchen regelmässig durch und sorgen für gute Sicht – the Face – wie immer stilbewusst mit passender Sonnenbrille, was bei dem Wetter wirklich zwingend war – hat halt gerne den Durchblick,

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wobei man auf selbigen manchmal auch verzichten sollte – so sind z.B die sanitären Anlagen bei Tankstellen wirklich nicht immer auf dem allerletzten hygienischen Stand – die Briten würden dieses Etablissement mit der ihnen eigenen Sprachpräzision wohl schlicht “Shithole” nennen, die Deutschen wurden dazu “Scheissloch” sagen und wir halten wertneutral fest, dass es manchmal besser ist eine stille Waldecke zu suchen.

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So zog die Landschaft dahin seitwärts, vorwärts, rückwärts – wir kamen gut voran und rollten die eigentlich recht kurze Etappe (irgendwas über 500Km) zügig ab. Bis wir plötzlich an einem Kontrollpunkt standen – Stacheldraht, Pässe zeigen, das volle Programm. Mad Murdoch murmelte noch was von Kirgisien was Dr Colonel John Smith mit Überzeugung zurückweisen konnte, denn Kirgisien liegt weiter östlich. B.A Baracus bekam dann Schiss und musste mal auf’s Häuschen – hier sogar sauber – und studierte dort mal mittels Internet die Position. Und tatsächlich hat der Plan von Dr. CJS dem Face auch einen Besuch in Kasachstan zu ermöglich voll funktioniert – wir waren nicht bloss an einer russischen Distriktgrenze, sondern an der russisch kasachischen Ländergrenze. Und zum Glück noch nicht ausgereist, denn damit wäre der Plan mit unseren double Entry Permit nicht mehr aufgegangen. Shit. Also rechtsumkehrt – Ausreise aus der Ausreisezone um zu vermeiden, dass wir tatsächlich ausgereist werden – was recht problemlos war, kurz die Zöllnerin angelächelt mit den Händen gefuchtelt und wir waren wieder in Russland drin – hinter dem Stacheldraht. Und durften zur Belohnung ca 1h zurückfahren und dann ein langsamere Nebenroute befahren. Welche zudem noch derart übersäht von Baustellen war, dass aus der eigentlich 6-7h Fahrt am Schluss wieder ein echter Zwölfstünder wurde!

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Im Stau war’s eher langweilig, worauf ein Wagemutiger vor hunderten von Schaulustigen seinen Toyota RAV am Stau vorbei durch die Schlammpiste prügelte – für uns keine Option – hier Steckenbleiben wäre ultimativ peinlich – so spielte Hannibal ein bisschen mit dem Zoom seiner Kamera und fing einen herrlichen sibirischen Adler ein und the Face vertrieb sich die Zeit mit auf den Geräteli rumtöggeln.

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Und so waren wir dann einmal mehr ziemlich auf den Felgen, als wir so 22:30 endlich in Omsk eintrafen – immerhin hatte es ein IBIS und immerhin konnten wir dort bis 22:45 sogar noch was zu Essen bestellen. Später beim Ausklang entdeckten wir dann sogar ein anderes Mongol Rally Auto vor dem Hotel, aber leider waren die Jungs wohl entweder von der scheuen oder gestressten Sorte und hatten nicht mal Zeit für ein paar Erinnerungen auszutauschen – auch egal. Aber im Moment sind wir wirklich etwas angespannt und fragen uns, ob das mit Magadan eine gute Idee war, denn obwohl wir schon einige Tausend Kilometer gefahren haben, will dieses Ende einfach nicht näher kommen. Komt Zeit kommt Rat oder stay calm and keeep on driving – und genau das werden wir auch morgen wieder tun. Damit dann der Plan funktioniert!

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